Tabuthema Fehlgeburt – Wie damit umgehen?

Manche reden darüber, vielen passiert es, die meisten schweigen.
Ich bin mir fast sicher, dass dies der persönlichste Blogeintrag wird, den ich je schreiben werden. Ich habe die Worte zunächst für mich aufgeschrieben. Zum Verarbeiten. Ohne Absicht, diese Zeilen jemals zu veröffentlichen.
Und dennoch tue ich das heute. Nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern viel mehr um auf ein Tabuthema aufmerksam zu machen und auch einen alternativen Weg aufzuzeigen, damit umzugehen. Jenseits von Klinikaufenthalt und OP.

Triggerwarnung: Ich schreibe hier meine Erfahrungen zum traurigen Thema „Fehlgeburt“ auf. Wenn dich solche Worte aufwühlen, du vielleicht selbst gerade schwanger bist oder du emotional nicht dazu in der Lage bist, solche Erfahrungen zu lesen und zu verarbeiten, dann solltest du vielleicht lieber weg klicken.

Sternchen Klitzeklein

Im September, kurz vor dem 4. Geburtstag meines ältesten Sohnes bemerkte ich, dass was nicht stimmte. Ich  wusste seit einer Woche, dass ich schwanger war. Unser drittes Baby sollte kommen. Dass es mit meiner Krankheit überhaupt so schnell klappte (es war der 2. Zyklus) grenzt an eine Wunder. Wir freuten uns riesig. Ich erzählte es auch schon wirklich vielen.
Für mich war es bisher ja immer sehr schwer überhaupt schwanger zu werden. Auf den Kleinen haben wir ganze 22 Zyklen warten müssen – ich weiß also durchaus, wie es sich anfühlt, wenn man auf ein Baby wartet, das nicht kommen mag. Letztlich hat es immer eine vorherige OP gebraucht. Flapsig sagte ich, dass wohl immer erstmal feucht durchgewischt werden müsse, ehe neues Leben einziehen mag. Wer will schon in eine nicht renovierte Wohnung einziehen… Schwanger bleiben, so war ich sicher, ist nicht mein Problem. Wenn es geklappt hat, bleibt es auch!

Dieses Vertrauen in meinen Körper wurde an jenem Abend, kurz vor dem Geburtstag, für immer erschüttert. Ich bemerkte schon den ganzen Tag, dass meine Symptome nachgelassen hatten. Und abends setzte dann eine Blutung ein. So was ist auch in einer intakten Schwangerschaft nichts Ungewöhnliches, aber ich wusste es einfach. Ich wusste, dass es vorbei war. Ich weinte bitterlich.
Ich brachte die Kinder ins Bett, zündete eine Kerze an, trank ein Glas Rotwein und weinte den ganzen Abend. Ich schlief beschissen und am nächsten Morgen war es ok. Einfach ok. Meine Ratio hatte mich wieder im Griff. Es hatte seinen Grund und mein Körper hat es alleine geregelt.
Ich ging auch nicht zum Arzt, da ich keine Ausschabung wollte (schon alleine dieses Wort lässt meine Zehennägel nach oben rollen). Zwei Wochen später ging ich zum Frauenarzt. Es war der Termin meiner ersten Vorsorgeuntersuchung, den ich einfach nicht absagte. Ich wollte, dass er schaut, ob alles ok ist. Dem war auch so. Eine Woche Blutung hat es gerichtet. Es war alles ok…

Neue Hoffnung und irre viele Sorgen

…bis jetzt! Heute ist der 5. November, ziemlich genau zwei Monate nach meiner Fehlgeburt in der frühen 6. Schwangerschaftswoche. Und ich halte wieder einen positiven Test in der Hand. Der sieht genauso zart aus, wie der Test meiner letztes Schwangerschaft. Nur so ein hauchzartes Strichlein. Heißt das, dass es wieder nicht klappt, das wieder was nicht stimmt.
Es ist nicht mehr ok, denn ich erlebe genau das, was eine Fehlgeburt mit einem macht. Es erschüttert das Selbstvertrauen in den eigenen Körper, in die Natur. Es lässt einen irre werden vor Sorge. Es lässt einen Fotocollagen erstellen mit Vergleichfotos von sämtlichen Schwangerschaftstest, die man je gemacht hat. Es lässt einen das Internet nach ähnliches Fotos durchforsten. Es lässt einen Sätze wie „Intakte Schwangerschaft trotz schwacher Testlinie“ eingeben oder „statistische Wahrscheinlich einer Fehlgeburt nach vorausgegangener Fehlgeburt“ etc. Kurz – Das Gedankenkarussell einmal angeworfen, lässt sich nicht mehr so einfach anhalten.
Und jetzt? Ich weiß nicht, wie es diesmal ausgeht. Das wird die Zeit wohl zeigen. Aber eines will ich hoffen – dass ich diese, meine hoffentlich letzte Schwangerschaft – irgendwann noch einmal genießen kann.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Die statistische Wahrscheinlichkeit, zwei Fehlgeburten hinter einander zu erleben liegt bei etwa 5%. Wenn man bereits zwei gesunde Kinder hat, ist das Risiko sicher noch etwas geringer.
Heute ist der 5. Dezember. Seit zwei Tagen lebe ich in einer Nebelblase. Ich nehme alles irgendwie gedämpft wahr. Ich funktioniere, wenn überhaupt , nur mechanisch. Seit zweit Tagen habe ich Blutungen. Zuerst ganz leicht. Aber ich war besorgt, bin gleich in die Klinik gefahren: Alles gut, Baby ist gewachsen, das Herzchen schlägt, Blutungen sind normal.
Sind sie das? Ich kenne das nicht. In den Schwangerschaften meiner Jungs hatte ich niemals eine Blutung, nicht das kleinste Bisschen. Die letzte Blutung in einer Schwangerschaft beendete selbige.

Von Messwerten und Normtabellen

An meinem ersten Termin befand ich mich rechnerisch Anfang der 8. Woche. Mit einem sehr unsicheren Gefühl setzte ich mich auf den Stuhl. Da ist was, sagte der Arzt, Es ist etwa 2 mm groß, also 1 Woche kleiner als es laut dieser Schwangerschaftswoche sein sollte. Der Arzt kommentierte das nicht. Alles gut, Schwankungen treten auf, erstmal sieht alles bestens aus.
Zu Hause angekommen schmiss ich wieder die Suchmaschine an: „Normtabelle Scheitelsteißlänge Frühschwangerschaft“. Ja es war ganz schön klein, aber wohl noch in der normalen Streubreite. Trotzdem machte ich mir wieder Sorgen.
Eine Woche später dann die Blutungen. Wieder Ultraschall: Dem Baby geht es gut, es ist auf 8 mm gewachsen, das Herzchen schlägt.

Ein Adventsstern am Himmel

Heute ist der also 5. Dezember, zwei Tage nach dem Klinikultraschall. Man konnte nur noch ein 4mm kleines Pünktchen sehen. Die Herzaktivität ist nicht mehr nachweisbar. Es sieht aus, als ob ich zu den 5% gehöre, denen das tatsächlich zweimal hintereinander passieren kann.
Ich trauere und überlege gleichzeitig, was es zu bedeuten hat. Vielleicht ist unsere Familie noch nicht so weit. Denn in der Tat haben mich die Sorgen um dieses Baby sehr aus der Bahn geworfen. Das merkten natürlich auch die Kinder – Beide. In unserer Familie ist gerade ganz schön viel los. In den letzten sechs Monaten hat sich so viel verändert. Vielleicht brauchen wir ein bisschen Ruhe, bis ein neues Familienmitglied seinen gesicherten, geborgenen Platz findet.
Ich weiß nicht, ob ich das nochmal durchstehe. Ob wir es wirklich irgendwann nochmal versuchen.
Gerade braucht meine Seele eine Pause. Jetzt ist erstmal Winter. Aber es wird ja wieder Frühling – so viel ist sicher.

Die kleine Geburt

Achtung: Zart besaitete Gemüter sollten hier nicht mehr weiter lesen. Schön, dass ihr meine Geschichte bis hierhin verfolgt habt.

Nachtrag: Ich habe hier eine wundervolle Seite entdeckt, die das Prozedere der kleinen Geburt sehr schön und einfühlsam beschreibt > Hebammenwissen

 

Der Abend des 5. Dezember: Ich sollte wieder kommen, wenn die Blutung stärker wird. Das wird sie nun. Ich habe das Seelchen losgelassen und schon kann es auch mein Körper. Ich habe Schmerzen – Wehen. Sie geht los, die kleine Geburt.
Ich habe erstmal nicht vor zum Arzt zu gehen. Denn ich kenne viele Erfahrungsgeschichten von Frauen, die das auf natürliche Weise überstanden habe. Ich möchte es zumindest versuchen.
Man hat mich vorbereitet: Es blutet stark, es kann lange dauern, es kann weh tun. Wann immer man kein gutes Gefühl mehr hat, die Blutung außergewöhnlich stark wird, die Schmerzen zu intensiv oder es gar zu Begleiterscheinungen wie Fieber kommt, sollte man unverzüglich einen Arzt oder das Krankenhaus aufsuchen.
Zur Unterstützung kann Hirtentäscheltee getrunken werden, dieser fördert die Wehen und somit auch das Ausscheiden des Gewebes.
Ich habe mir noch Kräuterblut besorgt, um meinen Eisenhaushalt nicht zu stark zu strapazieren, bei dem großen Blutverlust.

Es ist schlimmer als erwartet, die Schmerzen größer, die Blutung stärker. Bei meiner ersten Fehlgeburt war das alles ganz anders. Aber ist ja auch klar – ich war ja noch nicht so weit, vermutlich war nicht mal eine Embryoanlage vorhanden.
Am ersten Abend nehme ich ein Schmerzmittel ein, danach kann ich gut schlafen. Es blutet stark aber ich fühle mich nicht schlecht dabei.

Am Vormittag des 6. Dezember: Ich habe es gemerkt. Es ist vollbracht und gleichzeitig hören die Schmerzen auf. Den Tee habe ich nicht gebraucht. Die Blutung hat nachgelassen. Es ging bei mir wirklich sehr schnell. Es kann bei anderen unter Umständen viele Tage und Wochen dauern.
In sechs Tagen habe ich einen Vorsorgetermin bei meinem Arzt. Hier werde ich nochmal kontrollieren lassen, ob mein Körper es wirklich alleine geschafft hat. Das ist unglaublich wichtig.
An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass den Frauen auch bei solch einem traurigen Erlebnis der kleinen Geburt eine Hebammenbetreuung zusteht, die von der Krankenkasse bezahlt wird. Und auch wenn man sich in ärztliche Betreuung begibt, weil man sich damit wohler fühlt, kann man auch in diesem Fall auf einen natürlichen Abgang warten. Eine Ausschabung muss nicht unbedingt sein, es ist etwas, was die Frau selbst entscheiden kann und soll – es ist ihr Körper.

Und jetzt?

Ein Kinderwunsch ist ein sehr intensives Gefühl. Es lässt sich nicht so einfach ausschalten. Und dabei spielt es wirklich keine Rolle, wie viele Kinder man schon hat.
Wir sind noch nicht komplett, aber nach den Erfahrungen der letzten drei Monate, muss ich erstmal wieder zu mir kommen. Wie lange das dauern wird, vermag ich noch nicht zu sagen. Aber das spielt ja auch keine Rolle.
Leider wird Frauen mit Endometriose und Kinderwunsch sehr viel Druck (vor allem nach einer OP) gemacht: „Es muss schnell gehen, sonst kommt die Endometriose wieder. Spätestens sechs Monate nach OP MUSS es geklappt haben.“
Die Sorgen der Ärzte sind nicht ganz unberechtigt und in vielen Fällen stimmt es leider auch. Aber mit Druck kommt man im Bezug auf Kinderwunsch auch nicht weiter oder schneller zum Ziel.
Ich sehe es nun gelassener. Hatte ich vor meiner Ernährungsumstellung ernsthafte Probleme schwanger zu werden, ist es für mich nun tatsächlich etwas planbarer geworden. Ich habe das Gefühl, die Krankheit im Moment gut im Griff zu haben, was sich natürlich jederzeit ändern kann, aber im Moment ist das der Fall.
Also suche ich jetzt den Weg zu mir selbst und werde meine Familie in dieser Konstellation erst mal zur Ruhe kommen lassen. Wohl wissend, dass zwei Geschwistersternchen über uns wachen.

10 Comments

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  1. Danke für diese deine offenen und ehrlichen Worte zu diesem traurigen Thema. Es kommen gleich wieder die selben Gefühle hoch, die schon einmal da waren. Nun werde ich auch eine Kerze anzünden und an diese kleinen Seelen denken.

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  2. Hi Stephi, ich gehöre ebenfalls zu den fünf Prozent. Eigentlich waren es sogar drei Fehlgeburten. Die erste einen Tag vor unserer Hochzeit. „Einmal ist keinmal“, hatte die junge Ärztin salopp zu mir gesagt. Gerne hätte ich Ihr die Meinung geblasen, bin aber dann in Ohnmacht gefallen. Das Gespräch hatte ich Jahre später nachgeholt. Zwei Fehlgeburten folgten nach der Geburt unserer Tochter. Bei mir ist es genau anders herum: Mehr denn je vertraue ich meinem Körper. Weil er mir eben signalisiert hatte, dass die Kraft nicht ausgereicht hätte. Unser Tochter ist pures Glück. Alles ist gut. Die Natur geht ihre eigenen Wege. Es ist wohl so vorgesehen, dass wir manchmal innehalten und Dinge akzeptieren müssen, die wir nicht lenken können. Wünsche Dir und Deiner Familie friedvolle und versöhnliche Tage.

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    • Liebe Myriam, danke für deine sehr persönlichen Worte. Sie spenden mit Trost in dieser dunklen Stunde. Dass du dieses Vertrauen „trotz“ deinen Erlebnissen zurück erhalten konntest ist genau das, woran ich gerade intensiv arbeite. Ganz tief in mich rein zu hören, was mir mein Körper oder wer auch immer damit sagen will. Um dann klar zu sein und die Dinge so anzunehmen wie sie sind. Danke!
      Ich wünsche euch dir und deinen Lieben eine wundervolle Weihnachtszeit.

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  3. Hat dies auf rebloggt und kommentierte:
    Ich hatte mich schon gefragt, ob Du das Thema hier aufgreifen würdest …
    Als ich mit meiner Tochter schwanger war, hatte sie nicht allein den Weg in meinen Bauch und mein Herz gefunden. Sie hatte ihren Bruder oder ihre Schwester dabei. Leider haben wir dieses weitere Kind nie persönlich kennenlernen dürfen. Es verabschiedete sich am 10.12.2011 von uns und ließ uns wenigstens seine Schwester da. Obwohl wir sie über alles lieben, vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dieses weitere Kind denke und jeden Versuch darüber zu sprechen mit tränenerstickter Stimme abbrechen muss …
    Im Dezember 2014 ging ein großer Wunsch von mir in Erfüllung. Nachdem wir im Juli 2014 geheiratet hatten, wollten wir unsere Familie vergrößern und ließen die Verhütung weg. Wie auch schon beim ersten Mal klappte es nicht auf Anhieb, aber dann ging eben jener Wunsch von mir in Erfüllung, meinem Mann einen positiven Schwangerschaftstest in den Nikolausstiefel stecken zu können. Leider durfte auch dieses Kind nicht bei uns bleiben und verließ uns eine Woche später wieder. Der Dezember bringt uns wohl einfach kein Glück.
    Ich habe mein 2. Sternchen ebenfalls allein gehen lassen. Ich wollte nicht, dass jemand in mir rumstochert und mich von etwas befreit wovon ich noch gar nicht befreit werden wollte. Ich war mir sicher, dass mein Körper dieses Kind nicht nur empfangen, sondern auch angemessen loslassen kann. Und genau so geschah es auch. Meine Gynäkologin war fassungslos, als ich ihr 2 Monate später davon erzählte! „Aber Sie hätten doch in die Klinik gemusst, zur Ausschabung!“ Spätestens da wusste ich, dass meine Entscheidung die richtige war. So konnte ich mein kleines Kind wenigstens davor beschützen, denn die Frage nach dem Wollen war scheinbar gar kein Thema.

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  4. Sehr mutig und toll geschrieben meine Liebe. Ich bin da mit ebenfalls 2 Fehlgeburten ganz bei dir! Einzig ein großes Geschenk (ich will es nicht „Trost“ nennen), sind die Kinder die wie hier und jetzt umarmen und Liebe geben dürfen.

    Drück dich ganz feste 😘

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