Bedürfnisorientierte Erziehung // Wie mein 4-Jähriger macht was ich sage – NICHT!

Vorab ein kleiner Hinweis. In meinem heutigen Blogpost beschreibe ich unsere Herangehensweise zum Thema Erziehung und Kommunikation mit Kleinkindern. Dabei haben wir uns für einen Weg entschieden, der für UNS am besten passt. Vergleiche mit anderen Erziehungsmethoden sind nicht wertend im Allgemeinen gemeint, sondern passen lediglich nicht zu UNS. Selbstverständlich findet jede Familie den eigenen passenden Weg und es gibt hier sicher nicht bloß schwarz oder weiß. Also bitte nicht persönlich nehmen, solltet ihr euch auf der „anderen Seite“ angesprochen fühlen. Ich bin sicher, dass es für euch so am besten funktioniert und ihr euch damit am wohlsten fühlt – und nur das zählt!

Hilfe! Mein Kind hört nicht auf mich!

Wann kommen Kinder eigentlich in die Pubertät? Ich habe gehört, es wird immer früher…Sind wir schon bei 4 Jahren? (Eltern mit echten Pubertierenden lachen sich gerade ins Fäustchen.. ich weiß, ich weiß… Das dicke Ende kommt noch, aber man wächst auch an seinen Aufgaben.)
Wenn nicht, kann ich sein Verhalten nur unserer unsäglichen bindungsorientierten „Erziehung“ (in weiten Teilen, weil klappt nicht immer) zuschreiben. Und schon hat man ihn hingezüchtet, seinen eigenen Tyrann (-osaurus Rex, den er sich so gern am Waldtag im Kindergarten gewünscht hat).
Eine Erzieherin fragte mich neulich im Kindergarten: „Na habt ihr beiden in letzter Zeit öfter Streit?“ Ja das kann man wohl so sagen.

Um zu verstehen warum mein Kind selten macht was ich sage, vor allem nicht, wenn ich es mit sehr viel Nachdruck und lauter Stimme tue, muss ich euch von unseren „Erziehungsgrundsätzen“ erzählen.
Mein Mann und ich haben uns fast intuitiv, ohne uns vorher irgendwo einzulesen, für eine bindungsorientierte Erziehung entschieden bzw. diese einfach von Beginn an angewendet. So ganz grob kann man das „Beziehung statt Erziehung“ nennen, wobei man dazu erstmal den Begriff „Erziehung“ definieren müsste.
Wenn man von der sogenannten „Unerzogen-Bewegung“ hört, dann stellt man sich ungezogene, laute Kinder vor, die sich gegenseitig und ihre Welt drumherum tyrannisieren. Ich würde uns auch nicht voll umfänglich dieser Bewegung zuschreiben, dennoch sind wir dieser näher als der „konventionellen“ Erziehung. Was unsere Kinder wirklich nicht sind: Es sind keine unempathischen Tyrannen.

Was bedeutet konventionelle Erziehung für uns?

Wir erfahren die Definition der konventionellen Erziehung im Umfeld meist mit den Grundsätzen von Belohnung und Bestrafung und daraus resultierenden Drohungen. Mit mehr oder weniger engen Grenzen, Konsequenzen und teilweise auch übergriffigen Handlungen und Einschränkungen in der persönlichen freien Entfaltung. Das Androhen von Bestrafung oder das In-Aussicht-Stellen von Belohnungen bewirken dabei oft, dass diese Kinder tun, was die Eltern sagen.

Unsere Erziehungsgrundsätze im Überblick

Respekt: Wir sehen unsere Kinder als gleichwertig an und fragen uns deshalb oft: Würde ich mit meinem Partner genauso reden oder eher nicht. Wenn nicht, sollten wir unsere Kommunikation in diesem Fall überdenken.

Keine Bestrafung: Wir belohnen und bestrafen nicht. Wir loben unsere Kinder schon (aber auch nicht für alles und jede Kleinigkeit), aber wir belohnen sie nicht mit materiellen Dingen, Süßigkeiten, Fernsehen oder Ähnlichem.
Im Umkehrschluss bestrafen wir sie aber auch nicht. Es gibt also kein Fernsehverbot, stille Treppe (analog zur sozialen Isolation), keine Essensregulation etc..

Konsequenzen der eigenen Handlungen: Davon ist ganz klar abzugrenzen, dass wir sie schon die Konsequenzen ihrer Handlungen und Entscheidungen erfahren lassen. Dabei ist uns wichtig, dass es einen direkten kausalen Zusammenhang mit ihrer Handlung und der daraus resultierenden Konsequenz gibt. Beispiel: Ich habe abends einen Termin und mein Großer möchte von mir ins Bett gebracht werden. Er trödelt, lässt sich nicht anziehen, rast durch die Wohnung. Ich sage ihm, dass ich ihm sehr gerne seine Gute-Nacht-Geschichte vorlese, dass ich aber nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit Zeit habe. Wenn er es nicht schafft, sich in dieser Zeit fertig machen zu lassen, muss die Geschichte heute leider ausfallen oder Papa muss sie vorlesen (so in etwa).

Aushalten (die Erste): Man muss aushalten können. Wenn mein Großer keine Schuhe anziehen will (nach vorheriger, mehrmaliger Erklärung), dann nehme ich ihn ohne mit. Meistens zieht er sie unterwegs oder oft schon vor der Haustür doch an, aber ich weigere mich einfach 15 Minuten darüber zu streiten, um schlussendlich übergriffig zu werden. Wir sind auch schon mit Strümpfen durch den nassen Hof gegangen, schnell hat er selbst erfahren, was ich meinte mit „ohne Schuhe bekommst du nasse Füße“. Jetzt ist es für ihn keine Frage, bei Regen Schuhe anzuziehen.

Aushalten (die Zweite): Mein Mann sagt immer zu mir, dass wir einen Weg gewählt haben in dem die Kinder sich sehr intensiv erfahren können und das auch im Umgang mit anderen Kindern tun. Vor allem aber im Umgang zwischen den Brüdern geht es ziemlich roh zu und wir haben für uns mittlerweile einen Weg gefunden, dass sie das auch ein stückweit selbst regeln dürfen. Und das kostet richtig viele Nerven, vor allem bei mir als Mama. Wir greifen schon ein, wenn eine Verletzung droht, aber wir stehen nicht immer daneben. Es passiert täglich, dass sie sich gegenseitig weh tun, wir versuchen dann die Aufmerksamkeit eher auf das Opfer zu lenken. Natürlich lassen wir die Tat nicht unkommentiert, aber wir bestrafen sie nicht. Positiv formuliert möchten wir bewirken, dass das Opfer sich getröstet fühlt, nicht der Täter bestraft. Und auch hier: Als der Große den Kleinen vom Tripp Trapp gegen den Rippenheizkörper schubste, wurde ich auch im Affekt (ziemlich sehr) laut. Und das ist auch OK. Ich finde, auch wir Erwachsene dürfen unsere echten Gefühle zeigen.

Eigenverantwortung: Wir überlassen dem Großen im hohen Maße, dem Kleinen in gewissen Bereichen, die Verantwortung für sich und seinen Körper (soweit vertretbar). Er entscheidet, ob ihm kalt ist, also ob er eine Jacke/Mütze oder Wasauchimmer anziehen will oder nicht. Ich fordere meist nur ein, dass er Entsprechendes wenigstens mit raus nimmt, für den Fall, dass im kalt wird. Das klappt hervorragend aber es passiert eben auch, dass er bei 15 Grad mit kurzer Hose im Kindergarten ist und dort auch der Einzige.

Signale wahrnehmen: Kinder spiegeln! Und das tun sie hervorragend. Ich kann die Augenblicke kaum noch zählen, in denen sie mir den Spiegel vorgehalten haben, mit ihrem Verhalten, dass dem meinen in dieser Situation entspricht. Da hilft inne halten und durchatmen. Um dann vielleicht einen Gang runterzuschalten, und nochmal von vorne anzufangen. Und ja: Wenn ich mein Kind anschreie, dann darf er das auch bei mir. Wie soll er das auch anders begreifen.

Zusammenhalt: Als Partner zusammenstehen und reflektieren. Mein Mann und ich erinnern uns oft gegenseitig daran, welche Prinzipien wir haben. Es gibt Situationen, da fällt man doch in konventionelle Muster. Dann tut es gut, wenn man jemanden an der Seite hat, der die Situation in diesem Moment besser überblickt und einen dann wieder erinnert: „Schatz du drohst schon wieder…“

Beziehung statt Erziehung: Bindung zu den Kindern ist das Wichtigste und dazu braucht es einfach Zeit. Ich merke es sofort, wenn wir in einer hektischen Zeit den Faden zueinander verlieren. Fast automatisch wird das alltägliche Zusammenleben etwas schwieriger. Dann braucht es eine Zeitinsel, in der wir wieder zusammen finden. Es ist erstaunlich, wie gut es dann wieder klappt – ganz ohne Drohen oder Schimpfen, einfach aufgrund von qualitativer Zeit.

Aushalten (die Dritte): Je größer die Kinder werden, desto mehr fällt einem auf, dass sie sich in manchen Situationen einfach anders verhalten als die Mehrheit der konventionell erzogenen Kinder. Es braucht dann viel Vertrauen in den eigenen Weg und natürlich auch das Kind, sich nicht einreden zu lassen, dass etwas nicht stimme oder man etwas nicht mehr unter Kontrolle habe. Im „Pathologisieren“ scheinbar normaler Verhaltensweisen – sei es nun Schlafverhalten, Stillen etc. – ist unsere deutsche Gesellschaft nämlich ganz großartig.

Fehler eingestehen: Die Realität zeigt einfach – keiner ist perfekt und das ist auch gut so. Das darf sein. Ich schreie auch mal. Öfter als mir lieb ist. Manchmal habe ich das Gefühl in einem Irrenhaus zu leben. Wenn es mir dann dennoch mal entgleist und meine Zündschnur an manchen Tagen extrem kurz ist, gestehe meine Fehler vor den Kindern ein und entschuldige mich.

Ich habe den Großen z.B. immer ermahnt er solle mit geschlossenem Mund kauen. (Ich „leide“ an Misophonie und kann keine Essgeräusche ertragen – Stichwort eigene Grenzen.) Unser HNO Arzt klärte mich auf, dass er das aufgrund seiner vergrößerten Rachenmandeln gar nicht kann. Danach habe ich mich wirklich aufrichtig bei ihm entschuldigt.

Und er? Er lief ziemlich direkt zu seiner Oma uns sagte: „Oma weißt du was, meine Mama hat sich bei entschuldigt, weil ich gar nicht den Mund zu machen kann beim Essen….“
Wenn das mal nicht zeigt, wie beeindruckend er es fand, dass ich Fehler zugeben kann…. Wenn er dadurch nicht am besten lernt, wie man mit solchen Gefühlen umgeht, dann weiß ich auch nicht….

So kann man ganz allgemein sagen, dass mein Kind zwar nicht macht was ich sage, aber möglicherweise das, was ich tue.

2 Comments

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  1. Hallo Stephanie!
    Grundsätzlich interessiere ich mich sehr für das Thema Unerzogen, finde aber vor allem den ersten (wichtigsten?) Punkt schwierig: Das Kind gleichwertig (wie einen Erwachsenen) behandeln und die Kommunikation genauso zu gestalten wie ich es mit meinem Partner oder Kollegen tun würde.
    Ein Erwachsener kann aufgrund seiner Entwicklung und Lebenserfahrung meinen Erklärungen folgen und versteht sie, ein kleines Kind kann das nicht. Er kann sich in mich hineinversetzen, hat Empathie gelernt, ein kleines Kind noch nicht. Die meisten Erwachsenen können Gefahrensituationen, gesellschaftliche Regeln und Notwendigkeiten gut einschätzen, auch das kann ein kleines Kind noch nicht.
    Bei meinem Sohn kommen Erklärungen überhaupt nicht an, ich habe im Gegenteil sogar manchmal das Gefühl ich überfordere ihn damit total.
    Das heißt nicht dass ich bei meinen Kinder „den Erwachsenen“ raushängen lasse und autoritär auftrete, genau das will ich ja nicht, aber ich merke in fast jeder Konfliktsituation dass ich sie mit meinen Kindern (bzw. vor allem dem Großen, der Kleine ist da (noch) nicht so extrem) nicht so lösen kann wie ich es mit meinem Partner oder einem anderen Erwachsenen tun würde.

    Gefällt 1 Person

    • Hallo und Willkommen auf meinem Blog liebe Fenny! Ich glaube gerade in diesem von dir angesprochenem Punkt kommt es sehr stark auf das Kind an. Ich kann mit dem Großen schon recht „erwachsen“ sprechen, er fordert für alles detaillierte Erklärungen ein, je genauer, desto besser. Er ist aber auch in der Lage, diese Informationen zu verarbeiten, es überfordert ihn nicht. Das ist wichtig – wie ich finde.
      Aber ich meine damit weniger die Inhalte, sondern eher die Art und Weise. So nach dem Motto: Der Ton macht die Musik. Ich finde das sollte auf einer gleichwertigen, respektvollen Ebene statt finden. Manchmal ist es natürlich einfach notwendig, sich als Erwachsener drüber zu stellen (z.B. in Gefahrensituationen). Wobei auch da: Wenn mein Mann auf die Straße rennen würde, würde ich ihn auch anschreien (auch wenn das jetzt höchst hypothetisch ist).
      Ich merke auch, dass es mit zunehmender Reife des Kindes einfacher wird. Und das ist natürlich wieder etwas sehr indivduell unterschiedliches und von Kind zu Kind verschieden.
      Und ich finde auch: Der Wille zählt. Wenn man sich reflektiert und hin und wieder inne hält, dann findet man auch einen Weg. Vielleicht ist er noch nicht so weit.
      Vielleicht braucht es bei euch einfach noch ein bisschen mehr Zeit.

      Liebste Grüße Stephi

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