Minimalismus // Zeit statt Zeug – Ein Interview mit Autorin Bianca Schäb

Philosophen unserer Zeiten sind sich einig, dass es eine immer größer werdende Zahl an Menschen gibt, die Zeit über Konsum stellen. Und die Bewegung dieser modernen Revoluzzern wächst stetig. Monetäres wird dann immer weniger wichtig und man macht sich bewusst, wie man seine Lebenszeit verbringt.

Mit 13 PS durch Deutschland

Über dieses Bewusstmachen hat sich auch meine Freundin Bianca Schäb Gedanken gemacht und begab sich deshalb 2015 auf eine sehr spannende Reise durch Deutschland mit ihrem Goggo Mobil „Gretel“ mit samt Wohnanhänger, der für sechs Wochen ihr zu Hause war.

Wie langsam die Gretel fährt, durfte ich selbst schon einmal erleben, als wir auf dem Weg zum Oldtimer-Treffen von Lastern auf der Autobahn überholt wurden. Wir fuhren knapp 60.

Auf ihrer Reise ist Bibi nicht Autobahn gefahren, sondern hat die Landstraße gewählt. Dabei suchte sie für sich Antworten auf die Frage, warum einem das Leben mit zunehmendem Alter so schnell vorkommt und ob es eine Möglichkeit gibt, dieses Gefühl umzukehren – also zu entschleunigen. Dabei hat sie viele interessante Menschen zu diesem Thema befragt und im letzten Jahr sogar ein Buch veröffentlich, das ich euch nur empfehlen kann.
(Na klar mach ich das, weil sie meine Freundin ist, aber wäre sie es nicht, würde ich es trotzdem tun, weil es einfach unglaublich frisch, lustig und unterhaltsam ist und einen nebenbei sehr zum Nachdenken anregt: „Ich hab Zeit, was hast du?“  Ihr findet es z.B. hier)

Zwei Frauen, zwei Gläser Wein – ein Interview

Als besonderes Schmankerl für euch, habe ich Bibi noch ein paar Fragen gestellt, die ich euch heute hier aufschreiben werde. Ich möchte mit diesem Artikel und dem Interview die Brücke schlagen vom bewussten „Zeit-Erleben“ hin zum minimalistischen Lebensstil.

Und so haben wir uns an einem Donnerstag Abend zum What’s App Call verabredet, jede den Knopf im Ohr und ein Glas Rotwein in der Hand. Ich in Hessen und sie in der Schweiz sitzend, haben wir ein unglaublich schönes und tiefgründiges Gespräch geführt, dass ich euch in Teilen hier aufschreiben werde. (Im anderen Teil ging es um Kinder, die nicht schlafen wollen und vegane Blutwurst.)

Liebe Bibi, erzähl uns kurz, was der Auslöser war, diese Reise anzutreten?

Viele dachten ich habe Burnout und bin deshalb los. Aber das war es nicht. Ich befand mich in einer stabilen psychischen Konstitution.
Ich dachte mir: „Es muss doch eine Möglichkeit geben im Alltag mit kleinen Mitteln die Zeit etwas zu entschleunigen“. Obwohl ich den Begriff „Entschleunigung“ nicht gut finde, da er mittlerweile zu einem Maintream-Trendbegriff geworden ist, vor dem selbst große Werbeagenturen nicht halt machen.

Es war um meinen 30. Geburtstag als ich feststellte, die Uhr tickt auch für mich. (Mittlerweile bin ich Mutter einer kleinen Tochter, aber vielleicht war es auch etwas, das in meinem Leben fehlte). Ich nahm wahr, dass die Zeit nur so an mir vorbei rauscht. Das Rauschen war es, was immer um mich rum waberte. Und wenn was rauscht, nimmt man anderes nicht mehr so war.  

Dabei dachte ich nicht ans „Aussteigen“ im klassischen Sinne. Ich wollte nicht meinen Job an den Nagel hängen, meinen Laptop verbrennen und mein Smartphone aus dem Fenster werfen. Nein, ich wollte es schaffen, die Zeit trotz Alltag und neuer Medien bewusster zu erleben. Eine Entschleunigung im täglichen Umfeld und nicht offline. Denn sind wir mal ehrlich, „offline“ ist nicht mehr alltagstauglich.
In der Theorie, so glaubte ich, kommt einem die Zeit länger vor, wenn man viel erlebt. Bei Kindern stimmt das noch, die leben im Moment, aber bei uns Erwachsenen ist das genaue Gegenteil ist der Fall, je mehr man erlebt und/oder konsumiert, desto schneller geht die Zeit vorbei.

Konntest du eine Antwort finden, die immer noch nachhält? Wie lebst du das?

Ich habe mich mit vielen Menschen auf meiner Reise zu diesem Thema unterhalten, aber eine Antwort hat seit dem wirklich mein Leben verändert. Durch Zufall traf ich auf einem Parkplatz einen Hypnosetherapeuten, der sagte zu mir: „Du erlebst mehr wenn du weniger tust“. So einfach! Daran erinnere ich mich jeden Tag und versuche etwas „Gas“ aus meinem Leben zu nehmen, um nicht mehr so rastlos zu sein, wie ich es wahr.

Warum glaubst du ist das so?

Weil man bewusster im Moment ist und dem Erleben Zeit und Raum gibt.
Mit Kind ist es die Königsdisziplin. Ich erwische mich jeden Tag dabei, dass ich alles gleichzeitig hinkriegen möchte.
Ich versuche zu reflektieren und ich scheitere oft daran, aber es fällt mir auf! Und das ist schon ganz viel wert, wie ich finde. Früher wäre es mir nie oder viel zu spät aufgefallen, dass ich zu viel tue, zu viel will. Mit den Gedanken schon ganz woanders bin und nicht wirklich bei der Sache, die ich gerade tue. Bewusst machen und versuchen, es beim nächsten Mal besser zu machen.  

Wie hat sich dein Leben seit der Reise verändert?

Vor allem im Job nehme ich meine Tipps oft zu Herzen. Auch mein Koffer steht an einem präsenten Ort in meiner Wohnung und ich schaue immer noch oft rein. (Bibi hat von jedem Interviewpartner ein kleines Souvenir mitbekommen, das sie in einem Koffer aufbewahrt.) Mein Schlüsselanhänger begleitet mich täglich als Anker. Alleine die Bandbreite im Hinterkopf zu haben und die Tipps bewusst zu haben. „Lebe im Moment!“ Das lässt einen viel gelassener umgehen mit Dingen, die man nicht beeinflussen kann, z.B. die Pannen mit dem Goggo.
Auch ganz allgemein ist es die Gelassenheit, die ich seit der Reise mehr leben kann. Und die Dinge in Relation zu dem großen Ganzen zu setzen, ebenso das Vertrauen in das was kommt. Da werden manche „Probleme“ plötzlich winzig klein.
Außerdem habe ich gelernt, die Klappe zu halten und Schweigen aus zu halten in Gesprächen mit anderen Menschen. Nach dem ungemütlichen Schweigen kommen meist die wertvollsten Erkenntnisse.
Ich kann also besser zuhören und tiefer gehende Gespräche – auch mit Fremden – führen als zuvor.
Also wenn ich so drüber nachdenke, in zwei prägnanten Worten: Langeweile und Schweigen Aushalten!

Würdest du sagen, dass „Entschleunigung“ eine Form des Minimalismus ist?

Ja das hat ganz viele Facetten. Ich finde Entschleunigung eigentlich ein schlechtes Wort, ich nutze es dennoch, weil sich die meisten schon etwas drunter vorstellen können. Ich finde, das eine hängt mit dem anderen zusammen. Man wird zwangsläufig minimalistisch weil es sich sonst widerspricht – und zwar nicht nur im Bezug auf den Konsum. Es ist viel viel mehr . Eine Einstellung wie du dein Leben bewusst gestaltest. Da gibt es viele Schnittmengen zwischen „Entschleunigung“ – also bewusstem Konsum der Zeit und „Minimalismus“ – dem bewussten Konsum von allem anderen.

Welche Tipps hast du für uns, die die Zeit bewusster erleben wollen?

Am Anfang meiner Reise hat mich eine Psycholigen die sogenannte „Rosinenübung“ machen lassen. Dabei geht es darum, die Rosine zu beschreiben ohne zu bewerten. Klingt einfach, ist es aber nicht. Probiert das mal aus. Beschreibt eine Rosine ohne die Worte „Sieht komisch, runzlig aus.“ zu verwenden.
Wenn man sich darin oft übt, hilft das sehr fürs Leben. Denn wir alle denken täglich in wertenden Mustern. Vor allem in Bezug auf andere Menschen. Wenn man das „Bewerten“ und damit auch das Denken in Schubladen ein Stück weit ablegt, erleichtert und befreit das ungemein. Es befreit auch von Negativität.
Schon die Grundübung des bewussten Wahrnehmens (die Rosine mit allen Sinnen erfahren) ist sehr wertvoll, aber das Nicht- Bewerten geht darüber hinaus. Unvoreingenommen auf Menschen zu zugehen. Alles Ernst zu nehmen, lässt mich die Perspektive wechseln und besser auf Menschen zukommen, auch wenn sie sich auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind.
Ziemlich spät – eigentlich erst nach der Übung – ist mir eingefallen, dass ich Rosinen eigentlich nicht mag.

Gibt es auch etwas Minimalistisches, an dem du arbeiten möchtest?

Minimalismus mit Kindern ist ein großes Thema für mich. Vor allem Geschenke an Weihnachten und Geburtstag, aber auch im alltäglichen Leben. Ich bin dazu übergegangen, Sachen zu leihen und nicht neu zu kaufen (in der Schweiz ist das sehr verbreitet).
Aber es fällt mir manchmal doch schwer, einen Body, der so niedlich aussieht nicht zu kaufen. Daran möchte ich definitiv bewusst weiter arbeiten.

Was würdest du Menschen raten, die eine große Sehnsucht nach qualitativer Zeit haben?

Viele denken, dass es die „böse“ Arbeit und der damit verbundene Stress ist, der einem das Gefühl vermittelt, keine qualitative Zeit zu haben. Aber das ist es nicht. Es ist nicht die Arbeit, man kann es immer selbst entscheiden.
Ich habe es auf der Reise gemerkt, dass ich in den ersten zwei Wochen den gleichen Stress hatte wie auf der Arbeit obwohl ich nicht gearbeitet habe. Ich habe immer noch dieses „Rauschen“ gehört. Meine Gedanken waren immer noch nicht im Moment, ich fühlte mich immer noch gestresst.
Zu viele Interview-Termine, ein enger Zeitplan, Druck und Angst diesen nicht einzuhalten etc. Das sind persönliche Muster. Man sucht einen Sündenbock aber oft ist man es selbst.
Für mich ist das Rauschen auch das „Digitale“. Mein Smartphone lenkt mich ab und stresst mich auch manchmal. Ursprünglich habe ich vor meiner Reise geplant, die digitale Welt mit „zu entschleunigen“. Daran bin ich schnell gescheitet. Deshalb mache ich mir es bewusst und verzichte auf diese Medien, wenn ich Zeit für mich brauche oder ich das Gefühl habe, sie rinnt mir wieder durch die Finger.
Man sollte Inseln im Tag schaffen, die man nur für sich hat, selbst wenn es 1-2 Mal sind und auch nur kurz. Dann sollte man aber auf alles verzichten, was stresst oder ablenkt.

Wie war es ein Buch zu schreiben und würdest du es wieder tun?

Am Anfang der Reise dachte ich, ich mache alles aber ich schreibe kein Buch. (Deutsch war Bibis schlechtestes Fach). Da ich während der Reise bloggte, merkte ich wie gut es tut, alles aufzuschreiben, einen Filter drüber zulegen und es auf den Punkt zu bringen. Dadurch hat man auch mehr vom Tag. Man erinnert sich mehr. Die Zeit kam mir viel länger vor.
Durch das Buch konnte ich also alles nochmal Revue passieren lassen und wieder neue Erkenntnisse daraus ziehen.  
Es fiel mir auch leichter als gedacht: In nur acht Wochen war der Inhalt fertig.
Ja, ich würde es wieder tun, gerne zum Thema „Minimalismus mit Kindern“.  

3 Gründe, warum wir dein Buch unbedingt lesen sollten?

Weil es kein Ratgeber ist; weil ich glaube, dass trotzdem für jeden ein Tipp dabei ist. Und weil es humorvoll ist.

Und 3 warum nicht?

Weil man keine pauschale Lösung für die Suche nach der Entschleunigung darin findet. Weil man am besten alles stehen und liegen lassen und losfahren möchte. Aber vor allem sollte man es nicht lesen, weil man Gefahr läuft, seinen Sportwagen zu verkaufen, um sich ein Goggo zuzulegen.

Und falls du deinen Lesern noch sagen möchtest, warum ich denke, dass man lieber mehr Zeit als Zeug haben sollte:
Es gibt ein sehr gutes Buch über Interviews mit Menschen im Hospiz. Dabei hat die Autorin unter anderem die Frage gestellt, was diese Menschen gerne anders gemacht hätten. Keiner dieser Menschen hat geantwortet: „Hätte ich mal bloß mehr gearbeitet“. Sicher kann man sich mit viel Geld, viele schöne Sachen kaufen, aber trotz allem bleibt die Zeit unser kostbarstes Gut.

Wenn das mal nicht ein wundervolles Schlusswort ist, oder?

Vielen Lieben Dank an Bibi für das schöne und offene Interview.

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Bibi und Stephi bei den Golden Oldies in Wettenberg 2010

Schaut auf ihrer Seite vorbei, wenn ihr mehr über sie und ihre Reise erfahren wollt.

Ich wünsche euch ein paar ruhige Momente zum Nachdenken und freue mich sehr über eure Resultate in meinen Kommentaren.

Habt einen wundervollen Tag und trefft großartige Entscheidungen!

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