Wenn Ideologien kollidieren – Warum ich als Veganerin meinem Kind Bratwurst kaufe!

Wenn wir uns mit anderen Menschen unterhalten und irgendwann die Sprache auf unsere Kinder kommt, fällt fast immer der Satz: „Vegan? Aber doch nicht eure Kinder!?“

Warum dieser Satz fällt ist nicht schwer zu erraten. Die Medien tun ja recht viel dafür, dass dieses Bild des dogmatisch, fanatischen Veganers, der absichtlich das Wohl seiner Kinder gefährdet, geprägt wird. Das soll nun kein Artikel darüber werden, warum das Unfug ist (wäre ja auch eine Idee), sondern er beschäftigt sich mit der Frage, wie man als Veganer Kinder erzieht, die keine Veganer sein wollen.
Wenn ich die oben genannte Frage gestellt bekomme, sage ich meist: „Doch, eins von zwei Kindern lebt vegan, das andere fast. Und es ist kein Problem weil….. (und dann eben die Leier der ausgewogenen, veganen Kinderernährung und natürlich Vitamin B12)“

Eins von Zwei sind nicht alle…

In den ersten Tagen der Umstellung hatte ich große Schwierigkeiten, meinem Großen Fleisch und Wurst zu geben. Was heißt zu geben. Es gab bei uns von jetzt auf gleich keine mehr, aber ich konnte es eben kaum ertragen, wenn er sie woanders gegessen hat.
Ich wollte so gerne, dass er den Weg mitgeht. Aber wie sollte das gehen? Er kannte es nicht anders. Ich kann/will es ihm ja nicht verbieten. Er kann nichts dafür, dass wir uns nun umentschieden haben.

Da war also dieser kleine Kerl – noch keine vier Jahre alt – und ein wichtiges tägliches Ritual war von heute auf morgen nicht mehr so wie er es kannte.

Wir haben ihm sehr ausführlich erklärt, warum wir diesen Schritt gehen und dass wir verstehen, dass er das erstmal komisch findet. Aber er wollte und konnte nicht. Er hielt an seinen Gewohnheiten fest und nutzte jede Gelegenheit, auswärts Wurst, Fleisch und Käse zu essen.

Dabei traf ich sämtliche Vorkehrungen, ihn von Fleisch und Wurst fernzuhalten: Ich packte auf Geburtstagen extra Essen ein, klärte mit dem Kindergarten ab, dass sie ihm beim Mittag zumindest das vegetarische Essen anbieten sollten, bot ihm an, dass er überhaupt zu Hause Mittag essen kann etc. Aber er weigerte sich.

Wir haben das zu keiner Zeit mit großem Druck ausgeübt, aber zu einer Gelegenheit sind dann auf beiden Seiten die Tränen geflossen.
Nun müsst ihr dazu verstehen, dass wir gemeinsam mit meinen Schwiegereltern – die nach wie vor Fleisch und Wurst essen – in einem Haus wohnen. Zwar in zwei völlig autarken Haushalten auf unterschiedlichen Geschossen, aber dennoch.
Mein Sohn hatte dann im Laufe der Umstellung die schlaue Idee, er könne ja unten mitessen. Wie ihr sicher verstehen könnt, wehrte ich mich dagegen – nicht nur wegen des Fleischs, sondern vor allem auch wegen uns als Familie. Wäre ich hier nicht streng gewesen, dann wäre das das letzte Mal gewesen, dass ich meinen Sohn beim Essen an unserem Tisch gesehen hätte. Wirklich ein Dilemma und sicher eine besondere Situation, aber uns ist sie eben so.

Ich schaffte es, dass er grundsätzlich bei uns isst und sollte er mit meinen Schwiegereltern essen, diese dann bewusst auf Fleisch und Wurst beim Essen verzichten. Noch heute bin ich nicht sicher, ob ich zu streng war oder ob es eine alternative Lösung gegeben hätte. Aber es funktionierte letztlich recht gut.

Veganismus vs. Bedürfnisorientierte Erziehung

Im Laufe der Zeit machte ich mir immer weitreichendere Gedanken vor allem auch im Hinblick auf die bedürfnisorientierte Erziehung.

Er soll selbstbewusst aufwachsen, er soll über seinen Körper bestimmen können, ich will keine Macht über ihn ausüben etc. Aber wo fängt das an und wo hört das auf?
Er kann es ja noch nicht wirklich abschätzen, welche gesundheitlichen Konsequenzen Ernährung haben kann. Oder bin ich hier zu dogmatisch? Schadet ihm das Bisschen nicht? Wann ist es ein Bisschen und wann wird es schleichend mehr? Wann habe ich es unter Kontrolle und muss ich überhaupt die Kontrolle haben? Wo beeinflusst seine Freiheit die meine?

Viele viele Fragen beschäftigten mich. Schwere Kost, wie ich finde. Und ich bin noch immer nicht zum endgültigen Schluss gekommen.

Dennoch kann ich sagen, dass ich sehr viel lockerer damit umgehe, als noch zu Beginn der Umstellung. Es ist sogar schon vorgekommen, dass ich ihm auswärts eine Bratwurst gekauft habe. In solchen Situationen versuche ich mich immer in seine Lage zu versetzen. Wenn er Geld hätte und an einen Bratwurststand kommt, würde er sie sich kaufen. Da ich aber das Geld – und damit auch ein Stück Macht  – habe, finde ich es nur fair, diese Macht nicht auszunutzen, um meine Interessen „durchzudrücken“. Natürlich habe ich die auch zu Hause und beim Einkaufen. Ich finde es wichtig, dass man einen Weg findet, der irgendwie für beide passt. Das bedeutet aber auch, dass beide Kompromisse eingehen müssen.

Kompromisse mit denen alle glücklich sind

Folgendermaßen handhaben wir es nun:

  • Fleisch, Wurst und Ei gibt es nach wie vor in unserem Haushalt nicht.
  • Ich kaufe Käse, den er eher selten isst, aber er darf ihn haben, wenn er möchte. Damit gehe ich im Hinblick auf „Macht und Geld“ ein Stück weit auf ihn zu. Er weiß, dass ich das nur für ihn kaufe und fühlt sich dadurch nicht „ausgeliefert“.
  • Bei meinen Schwiegereltern darf er Käse essen und er besteht auch hin und wieder auf ein Honigbrot.
  • Im Kindergarten isst er, was er möchte. Meist wählt er vegetarisch, aber manchmal auch nicht. Das stellt sicher, dass er in der Gruppe nicht das Kind ist, dass irgendwas nicht essen darf. Wenn er will, darf er. Das gilt auch für Kindergeburtstage.
  • Auswärts kaufen wir ihm, was er möchte. Er liebt Käsepizza und manchmal auch eine Bratwurst. Die letzte Blutwurst aus Uropas Kühlschrank durfte er auch essen.

Mittlerweile isst er gerne bei uns mit und es macht ihm mit den Kompromissen nichts aus, dass er fast ausschließlich vegan isst.

Was  er ganz gut drauf hat: Den Veganismus dann einzusetzen, wenn er etwas nicht essen mag, z.B. auf Geburtstagen. Bei der ihm angebotenen Sahnetorte hörte ich ihn sagen „Nein, das esse ich nicht, wir sind vegan.“ (Um dann abends die Bratwurst dankend anzunehmen.)
Süß fand ich auch, als er im Schwimmkurs gefragt wurde, ob er Salami auf seinem Brötchen hat. „Nein das ist Erdnussbutter, wir sind doch Pflanzenfresser.“

Zwei Seelen in meiner Brust

Ich möchte, dass er seinen Weg so weit es geht selbst bestimmt, aber er muss auch verstehen, dass wir bestimmte Wege nicht mehr mitgehen können. So lebt es sich bisher recht friedlich und ich bin gespannt wie es mit dem Kleinen weitergeht, der bislang nichts anderes als „vegan“ kennt.
Und was sie als Teenager so machen werden… Aber da haben wir ja Gott sei Dank noch ein bisschen Zeit.

Insgesamt bin ich aber sehr viel entspannter und lockerer geworden, denn ich möchte nicht eine Ideologie zu Lasten der anderen durchdrücken. Veganismus bedeutet mir viel, die bedürfnisorientierte Erziehung aber auch. So lebe ich mit zwei Seelen in meiner Brust – aber damit lebt es sich recht gut.

Habt einen tollen Tag und trefft gute Entscheidungen

unterschrift-klein

14 Comments

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  1. Hallo Stephi, machst du dir keine Sorgen, dass deine Kinder auf Dauer Mangelerscheinungen bei Eisen, Vit. B12 und Eiweiß haben können? Ich will dich mit dieser Frage nicht angreifen, mich würde nur interessieren, wie du dazu stehst.
    Ich halte Fleischkonsum für ziemlich schlecht, bei mir gibt es das nur etwa ein bis zweimal im Monat und Schweinefleisch gleich gar nicht. Ich würde meinen Kindern niemals eine Bratwurst kaufen, ich halte das für das mit Abstand schlechteste Essen, das es auf dem Markt gibt. Dann lieber ein selbstgemachtes Putenschnitzel, wenn es unbedingt Fleisch sein muss.
    Wie du siehst: Eine gesunde Ernährung ist mir durchaus sehr wichtig. Aber: Ich weiß aus eigener, schwerwiegender Erfahrung, wie sich Mangelerscheinungen langsam einschleichen und dauerhaft die Lebensqualität senken. Aus diesem Grund käme für mich eine vegane Ernährung nie in Frage….

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    • Hallo liebe gloriamonique,

      nein ich habe auf keinen Fall Angst, dass meine Kinder einen Mangel erleiden. Vitamin B12 supplementiere ich, alle anderen Nährstoffe erhalten sie spielend über die pflanzliche Kost. Aber wie gesagt, darum sollte es hier ja auch gar nicht gehen. Da ich auch die Angst vor schwerwiegenden Fehlern und Mangelerscheinungen bei veganer Kinderernährung hatte, habe ich mich genau deshalb sehr umfassend und wissenschaftlich informiert und muss sagen: Es sollte niemand tun, der sich nicht ebenso fundiert damit auseinander gestetzt hat oder der sich von einem Ernährungsberater unterstützen lässt.
      Und die Bratwurst symbolisiert den sebstbestimmten Weg, den mein Kind gehen kann. Es bedeutet nicht, dass er sie regelmäßig bekommt.
      Ich stimme dir zu, das ist so ungefähr das „Schlimmste“ was es an tierischer Kost gibt. Bewusst habe ich dieses Extrem gewählt.

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        • Oh ja da stimme ich dir zu. Und herzlichen Dank für deinen Beitrag. Ich finde auch, dass sich jeder mit dieser Thema intensiv auseinander setzen sollte, leider wird das bei Veganern besonders kritisch beäugt, vor allem im Hinblick auf die Kindernährung. Wenn ein Kind einen massiven Ballaststoffmangek aufgrund einer einseitig tierischen Ernährung hat, interessiert das die Wenigsten.

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    • Es gibt auch welche aus Plastik. Mal sehen, vielleicht nehme ich die. Echte Eier gibt es bei uns nicht zu Ostern. Der Hase bringt Schokoeier. Die Symbolik finde ich aber gar nicht schlimm, im Gegenteil – ich finde die Symbolik des Lebens sogar ganz toll! Aber eben auf Bildern, als Holzfiguren, Plastik etc. Ich habe überlegt einen Artikel über unser veganes, minimalistisches Ostern zu schreiben, vielleicht mach ich das….

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      • Nur dürften sich die aus Plastik fast nicht mit Wasserfarben bemalen lassen … aber aus Pappmache könnte man bestimmt welche basteln oder eben flache aus Salzteig. Da halten dann auch sicher Wasserfarben drauf.
        Ist mir nur heute beim Eierausblasen so durch den Kopf gegangen …

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        • Mein Großer hatte mal ein Plastikei in der U3 Einrichtung, das ließ sich mit Fingerfarben anmalen. Salzteig ist ne schöne Idee! Ich finde es übrigens ganz lieb, dass du an mich denkst. Selbst wenn es beim Eier ausblasen ist 🙂 Hab nen feinen Abend!

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  2. Ich denke solange er es gerne isst braucht er es zur Entwicklung 🙂 und sein Papa isst eh ständig Fleisch 🙈 aber ich versuche dennoch dass er es nur so oft isst wie es gesund ist (2-3 mal pro Woche) bei Käse ist es mir egal 🙂 aber ja kein einfaches Thema!

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