Langzeitstillen – Warum tust du dir das an?

Heute ist der 27.11.2016. Vor genau 18 Monaten um 0:10 öffneten die Ärzte meinen Bauch und zeigten ihn mir zum ersten Mal. Und er schrie mich mit einem kräftigen Schrei an: Es war wundervoll! Ich schreibe diese Zeilen hier vor allem, um mich selbst zu motivieren. Ich brauche meine Worte gerade selbst am aller meisten. Und ich brauche den schnellen einfachen Zugang – einen Klick – um mir immer wieder vor Augen zu halten, wofür ich das mache.

Von welchen Heldentaten ich hier spreche? Nun der schlaue Leser hat es vielleicht schon aus dem Titel ableiten können: Ich spreche über meine mittlerweile 18 Monate anhaltende Stillbeziehung zu meinem zweiten Sohn.
Im Durchschnitt werden die Kinder in Deutschland mit knapp 7 Monaten abgestillt. 79% der Mütter haben nach 9 Monaten abgestillt, nach 12 Monaten sind es dann schon 92%.
Ich gehöre jetzt also schon seit einem halben Jahr zu den sogenannten „Langzeitstillenden“. Eine exotische Erfindung der Mitdreißigerin (spätgebärend) mit höherem Bildungsabschluss (laut Statistik). Aber in echt jetzt? Ist das so exotisch?

Im Vergleich mit anderen Kulturen wohl eher nicht – ist es dort üblich zum Teil bis ins Vorschulalter zu stillen. Auch das Stillen von mehr als einem Kind, ist dort keine Seltenheit, sondern eher die Regel. Das anthropologisch definierte Abstillalter des Homo sapiens Nachwuchses beträgt 2,5-7 Jahren. Da liegen wir Deutschen mit unseren 9 Monaten nun wirklich weit drunter.

Du stillst noch? Du siehst gar nicht so aus…

Mein Kleiner hat für sein Alter schon eine ordentliche Haarpracht und wird mit seinen goldenen Löckchen nicht selten für ein 2,5 Jähriges Mädchen gehalten. Das finden dann schon manche befremdlich, wenn ich mir dieses große Kind noch immer etwa 10-12 Mal täglich zur Brust nehme.
Und auch ich könnte mein eigenes Bullshit-Bingo in Bezug auf Stillkommentare zusammen bekommen. Hier ein paar Auszüge:
„Also mir wäre 6 Mal Stillen nachts zu viel.“
„Wir haben unsere Kinder auch mal schreien lassen nachts, so geht das ja nicht.“
„Kinder die lange gestillt werden trennen sich nicht.“
„Er braucht das doch nicht mehr.“
„Was du hast immer noch Milch? Du siehst gar nicht so aus!“ (Letzteres verstehe ich übrigens bis heute nicht)
Naja undsoweiterundsofort.

Mein zweites Kind hat sehr starke Bedürfnisse und einen noch stärkeren Willen diese einzufordern. Eines davon ist eben das Stillen.
Für ihn bedeutet das noch immer etwa 50% der Gesamtkalorien seines Tagesbedarfs, es bedeutet für ihn Nähe, Trost und die Befriedigung seines Saugbedürfnisses, was die meisten Kinder in diesem Alter noch haben, es aber durch einen Schnuller erfüllen.

Für mich bedeutet es Sicherheit, dass er bei seiner Ernährungsweise durch mich bereits die wichtigsten Nährstoffe bekommt. Es bedeutet Nähe und eine Kuscheleinheit, die ich ihm sonst vermutlich nur schwer abgewinnen könnte und es erfüllt mich mit Stolz, dass ich in seinem bisherigen Leben den Hauptteil seiner Ernährung „produziert“ habe. Es bedeutet für mich, auch mal fünf Minuten Ruhe zu haben. Eine Pause ohne Smartphone und meist ohne Lärm.
Was es für mich aber auch bedeutet – und da verblasst dann die rosarote Brille ein bisschen – sind schlaflose Nächte seit nun 18 Monaten, denn mit etwa 3-7 Mahlzeiten pro Nacht, schläft man nicht allzu oft allzu lange am Stück. Es zehrt und ich muss wirklich aufpassen, dass ich genug esse und viele (gute) Kalorien zu mir nehme. Es bedeutet Abhängigkeit, ich kann nicht länger als 2 Stunden weg sein in der Nacht bzw. am Abend. Tagsüber ist das kein Problem, aber wenn er schläft besteht er auf meine Anwesenheit, wenn er aufwacht. Und damit bedeutet es auch ein Stück weit Verzicht auf ein gesellschaftliches Leben außerhalb der Familie.

Warum tust du dir das an?

Ich tu mir das nicht an. Ich darf es tun! Nach einer sehr frustrierenden Stillbeziehung zu meinem ersten Kind, unter der ich immer noch leide, bin ich einfach nur froh, dass mir das nun gegeben ist. Und das ich das kann.
Vor allem aber weiß ich nach der Zeit mit dem Großen, wie schnell diese erste Zeit, in der sie uns so intensiv brauchen, vorbei geht. Wie schnell sie groß werden, so schnell, dass man am liebsten schreiend vor der Küchenuhr stehen möchte, um sie anzuschreien, dass sie doch nicht so rasen soll.
Und man besitzt auch eine gewisse Gelassenheit, dass die schwierigen Phasen vorbei gehen und man nur einen Wimpernschlag von einfacheren Nächten entfernt ist.

Und der Rest? Der kommt auch wieder. Und meine Mädels haben sich schon mal den Rosenmontag 2020 notiert, wenn ich dann ENDLICH abgestillt habe. Da machen wir so richtig einen drauf. Mit einem Prosecco für mich – wird ein günstiger Abend….

7 Comments

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  1. Du hast vergessen, dass dein Sohn schwul werden wird, weil du ihn egoistischer Weise an die Brust zwingst! Meine Große ist ja im Alter Deines Großen und wird auch IMMERNOCH gestillt. Unregelmäßig, aber schon dann und wann. Nachdem der Kleine im März kam, auch einige Zeit tandem. Jenseits afrikanischer Lehmhütten. 😉 Soll doch jede machen wie sie denkt und kann. Viele denken dann aber scheinbar, dass man vollstillt. Das scheint die größten Irritationen hervorzurufen.
    Schön, dass du dieses mal eine so erfüllende Stillzeit hast!

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    • Oh je Susanne! Dann seid ihr ja wahrhaftige Aliens!
      Danke für deine Beitrag! Ich habe da mittlerweile sehr viel Selbstbewusstsein entwickelt, dass es mir wirklich aufrichtig egal ist. Lustigerweise werde ich auch oft gefragt, ob er denn überhaupt etwas isst. Das ist dann meistens auch gar nicht böse gemeint, sondern schlicht Unwissenheit. Was mir wiederum zeigt, wie wenig selbstverständlich es heute noch ist ein älteres Kind zu stillen. Aber gefühlt werden es schon immer mehr Frauen, die das machen und (vor allem!) dazu auch in der Öffentlichkeit stehen.
      Ich wünsche euch noch ein fröhliches Weiterstillen, bis ihr keine Lust mehr drauf habt.

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  2. „Ach, dein Kind kann doch in dem Alter nachts keinen Hunger mehr haben, das stillt doch nur noch weil es so anhänglich ist.“
    Unser Baby ist bald 9 Monate und wird hauptsächlich gestillt. Wir bieten immer wieder Essen vom Tisch an, welches auch interessiert probiert wird, aber effektiv gegessen werden meist nur ein paar Bissen. Das ist ok so, ich denke das Kind weiß sehr gut, was es wann will und wieviel… Ich versteh einfach nicht, warum sich andere Leute einmischen oder so reagieren, als wären sie selbst betroffen?! Denn ich denke, wenn du Probleme damit hättets, dass du immer noch stillst, dann hättest du wohl schon abgestillt….
    Alles Liebe cao

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    • Hallo liebe cao!
      Mein Kleiner hat auch erst angefangen zu essen als er laufen konnte. Das war mit 9,5 Monaten. Bis dahin habe ich ihn voll gestillt. Mein Großer hat mit 7 Monaten schon mehr Pasta verdrückt als ich. Bei beiden praktizierte ich Baby led weaning und das bedeutet nunmal „Baby geführtes Abstillen“. Das haben beide in ihrem jeweiligen Tempo gemacht bzw. sind eben noch dabei. Viele interpretieren den Begriff „Beikost“ auch falsch. Es ist eben nur ein „Bei“ und nicht ein „Haupt“. Macht ihr das nur weiter so! Du weißt es sowieso am besten, was dein Baby braucht.
      Liebste Grüße Stephi

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  3. Hat dies auf rebloggt und kommentierte:
    Ich stille auch IMMERNOCH! Erst meine Große (*07/2012) und seit 03/2016 auch den Kleinen. Und ja, teilweise beide parallel! Die Große behauptet gern, abgestillt zu sein um dann nahezu heimlich zu fragen, ob sie nicht auch nochmal dürfe. Darf sie! Wenn es sein müsste, auch an der Bushaltestelle, aber das ist IHR mittlerweile unangenehm. Ich sehe schon, dazu muss ich mal einen eigenen Beitrag verfassen …

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  4. LIebe Geburtstagsschwester. Wir haben ja unsere zweiten (wie auch ersten) Söhne fast zeitgleich bekommen und ja, auch ich stille den Kleinen noch viel und oft. Weil er es will und ich es ihm nicht nehmen will.
    Was Susanne oben schrieb kann ich unterschreiben: Scheinbar denken viele wirklich beim Stillen an „Vollstillen“: Was ich für seltsame Fragen im Krankenhaus bekam weil ich sagte ich stille noch… Nimmt er denn keine Flasche? Isst er sonst nichts? Ja klar, ein 18M altes Kind isst sonst nichts? Ich hab die Fragen erstmal überhaupt nicht verstanden 😉 Sehe mich schon in der Diskussion (weil ich im Januar wohl eine OP machen lassen muss) warum ich dafür nicht „endlich“ abstille. Werde ich nicht tun. Ich nehme halt die Pumpe mit und verlange stillfreundliche Medikamente. Sollen sie lästern.
    Was ich mit diesem Exkurs sagen wollte: Es ist nicht wichtig, was die anderen denken, viele haben eine sehr verschrobene Meinung vom Langzeitstillen aber ich bin wie du froh, diese Minuten mit meinem ansonsten sehr lauten, fordernden, wilden Kind zu haben. Momente der Stille, der Zuneigung, der Einigkeit.

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    • Willkommen auf meinem Blog liebe Geburtstagsschwester. Da schreibst du mir aus der Seele!
      Bzgl. der OP: Das hat bei mir mit der Pumpe auch prima geklappt. Wobei am OP Tag nach 5 Stunden Narkose kein Tropfen Milch kan, aber das ist ja auch irgendwie verständlich. Komischerweise war es da OK, dass ich nachts nicht da war, aber da war er auch noch jünger und vor allem war ich für ihn auch wirklich nicht greifbar. Ich glaube das ist ein großer Unterschied. Das wird bestimmt klappten. Und bezüglich doofer Kommentare: Ohren auf Durchzug hilft immer.
      Liebste Grüße und alles Liebe und Gute für die OP
      Stephi

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